Buchtipp “Die Diamantenkinder – Zwischen Sklaverei, Gewalt und Hoffnung” von Annette Rehrl

Zielgruppe:
Jugendliche und Erwachsene

Inhalt:
Die „Diamantenkinder“ in den Flüchtlingslagern und Städten Sierra Leones haben Unfassbares erlebt. Rebellen brachen in ihre Dörfer ein, brannten die Hütten ihrer Familien nieder, brachten ihre Eltern um, entführten sie, machten sie zu Kindersoldaten oder Sexsklaven und richteten sie zu Mördern ab.

Annette Rehrl reiste in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, in die Trümmerwelt von Sierra Leone, um diesen Kindern zuzuhören. Die Kinder vertrauten ihr und erzählten, was sie nie zuvor preisgegeben hatten. So entstand ein erschütterndes und trotzdem hoffnungsvolles Dokument einer Generation von Kindern, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Stück Zukunft.

Pattloch Verlag GmbH & Co. KG, München 2004
ISBN 3-629-02101-8

1 Review

Sierra Leone, das Land mit dem niedrigsten Entwicklungsstand in der gesamten Welt, eine Nation, die nur noch von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Leben gehalten wird. Korrupte Politiker, massive Armut und die Folgen eines grausamen Bürgerkrieges bestimmen den Alltag in diesem westafrikanischen Staat, und auch wenn die dort lebenden Menschen alles dafür täten, um dem Land zum Aufschwung zu verhelfen, so sehen die realistischen Aussichten auf eine bessere Zukunft nicht gerade rosig aus. Zu sehr haftet die Vergangenheit noch an den Bürgern von Sierra Leone, zu sehr sind sie noch von den Greueltaten ihrer eigenen Landsmänner betroffen, und so gerät selbst das alltägliche Zusammenleben zu einem schwer zu überbrückenden Hindernis.

All dies hat sich Annette Rehrl auf ihrer Reise durch Westafrika zum Thema gemacht, um auch für die Nachwelt festzuhalten, wie die momentane Lage in Sierra Leone ist. In ihrem Buch “Die Diamantenkinder” schildert sie die erschreckenden Eindrücke ihrer Reise, und aus der Intention, Statements von ehemaligen Kindersoldaten zu sammeln, ist schnell eine Geschichtensammlung geworden, die ebenso brutal wie erschreckend ist.
Da erzählen 17-jährige Jungen, wie sie während des Bürgerkrieges in den 90ern von den RUF-Rebellen gekidnappt und für ihre Zwecke, sprich das kriegerische Handeln gegen ihre eigenen Landsmänner, missbraucht wurden; da hört man von mutigen Kindern, für die der Verlust der eigenen Familie schon fast zur Nebensache geworden ist, weil sie nur noch die eigene Existenzsicherung, ja das nackte Überleben im Blickfeld haben können. An anderer Stelle reden misshandelte Jugendliche über die brutale Vorgehensweise der Rebellenbewegung, die von Vergewaltigungen über Zwangsamputationen bis hin zu erniedrigenden Kindermorden wirklich jede erdenkliche Verletzung gegen die Menschenrechte bis zum Exzess ausgeführt und dabei wahrscheinlich genauso wenig nachgedacht hat wie diejenigen, die aus Angst vor dem eigenen Tod ihre Brüder und Schwestern verraten haben.
Die unvorstellbare Grausamkeit, der Schrecken und vor allem das Leid, das diesen Menschen angetan wurde und wohl nie mehr gutzumachen ist, all das spielt sich wie ein Film vor den Augen des Lesers ab. Selbst der 6. Januar 1999, der Tag, an dem die Rebellen in der Hauptstadt Freetown ein Blutbad sondergleichen angerichtet haben, geht dem Leser sehr nahe, so entsetzlich sind die Schilderungen der einheimischen jungen Menschen.

“Die Diamantenkinder” fängt all diese Eindrücke in realistischer und sicherlich keinesfalls übertriebener Ehrlichkeit wieder auf. Dieses tagebuchähnliche Werk fesselt und erschreckt zugleich, es gibt immer wieder Anlass zum Nachdenken und wirft andererseits auch den Wunsch auf, zu verdrängen, wie sich in anderen Teilen der Welt die bittere Realität gestaltet. Krieg, Armut und schließlich der Tod, nirgendwo scheinen sie greifbarer zu sein. Ich selbst muss mir zugestehen, dass ich von Annette Rehrls Schilderungen zutiefst bewegt bin, mich aber auch sehr betroffen fühle. Vielleicht ist es die Hilflosigkeit, vielleicht auch die lebensnahe Erzählweise der Autorin, auf jeden Fall hat mich dieses Buch nicht mehr losgelassen, seit ich es zum ersten Mal in der Hand hatte.
Auf der Rückseite stehen folgende bittere Worte: “Alice hat ihre Familie verloren, Suleiman seinen linken Arm, Zainab ihre Ehre, Osama seine Zukunft”. Was haben wir schon zu verlieren außer ein paar Stunden, die man zum Lesen dieses Buches benötigt? Ich denke gar nichts, und deshalb schenke ich der Autorin auch meinen uneingeschränkten Respekt und eine Empfehlung für das hier vorliegende Werk.

Was sind Blutdiamanten und woran kann man sie erkennen?

Blutdiamanten oder Konfliktdiamanten sind Steine, die von Rebellengruppen verwendet werden, um Kriege zu finanzieren und neuerdings haben die Vereinten Nationen Sanktionen gegen sie verhängt. Während der 1990er Jahre wurden Diamanten im Wert von mehreren Milliarden Dollar an Käufer verkauft als die Bürgerkriege in Sierra Leone und Angola auf ihrem Höhepunkt waren.

Obwohl heute nur Diamanten, die von der Elfenbeinküste exportiert werden, noch unter UN-Sanktion stehen, wird die Industrie vom Kimberly Prozess kontrolliert, einem globalen System zur Zertifizierung von Rohdiamanten. Das KPCS, wie es genannt wird, umfasst alle Länder, die Diamanten produzieren, mit ihnen handeln und sie schleifen und gewährleistet, dass Diamanten, die sanktioniert sind, nicht in Mitgliedstaaten importiert werden. Staaten können vom KPCS suspendiert werden, wenn sie den Diamantenschmuggel nicht untersagen, bis sie nachweisen, dass sie die KPCS-Regeln einhalten. Dennoch gerät das KP System zunehmend in die Kritik, weil es nicht in der Lage ist, striktere Kontrollmaßnahmen zu implementieren, die erlauben würden, die Herkunft von Steinen, die Diamantenhändler kaufen, effektiv bis zu ihrem Ursprung zurück zu verfolgen, und neuerdings für die zu späte Reaktion auf die Krise in den Diamantenfeldern von Zimbabwe.

Käufer können heute dennoch ziemlich sicher sein, dass sie keine Konfliktdiamanten kaufen und dass Kriege heute nicht mehr in dem Maße mit Diamanten finanziert werden können.

Es gibt einige Diamanten mit besonderen Namen. Welcher von ihnen hat die interessanteste Geschichte?

Um diese einmaligen Steine, hauptsächlich alte Steine aus Indien, ranken sich eine Menge Geschichten. Die meisten kann man nicht wörtlich nehmen – man müsste sie Mythologie oder Apokryphen eines Diamanten nennen statt ihrer Geschichte. Die so genannten verfluchten Diamanten, die aus religiösen Ikonen gestohlen wurden, wie der blaue Hope Diamant, von dem man glaubte, dass er der Familie des Besitzers den Tod bringen würde, zeigen das deutlich. Diese Idee wurde ein kulturelles Motiv. Vielleicht haben einst Geschichten über Flüche die Rolle von Sicherheitsapparaten gespielt.

Es ist oft ein Stück Detektivarbeit, um die wahre Geschichte der berühmten indischen Diamanten herauszufinden, die durch so viele Hände gegangen sind und umgeschliffen wurden. Die Geschichten offenbaren oft nicht nur Flüche, Legenden oder Liebesgeschichten, sondern auch die Chroniken von Königreichen und Imperien und von Handelskontrollen.


“Die Diamantenkinder – Zwischen Sklaverei, Gewalt und Hoffnung” von Annette Rehrl